Frauen und Informatik


frau und computer

Keine Angst vor dem Rechner.
Das Studium ist anspruchsvoll, aber dafür können Sie danach was.

Von 1987 bis 1999 hat die Anzahl der Studierenden der Informatik an den Fachhochschulen in Bayern von gut 2.100 auf über 3.100 zugenommen, d.h. um fast 50 %. Dies ist umso erstaunlicher, als im Zeitraum von 1965 bis 1977 die Geburtenziffern um etwa 40 % gefallen sind. Die bekannte Rezession bei den Ingenieurberufen betraf die Informatik also nicht, im Gegenteil: Unsere Absolventen waren stets gesucht und sind derzeit aus Sicht der Firmen seltene Mangelware. Personalagenturen schlagen aus der gezielten Vermittlung von Informatikern bares Geld und die von uns im Blick auf ein intensives Studium gar nicht so gerne gesehene Anwerbungsaktivitäten beginnen bereits in der Mitte des Studiums. Hinter den nüchternen Zahlen verbirgt sich aber noch ein weiteres Phänomen, dessen sich Elternhaus und Schule bewusst werden müssen:
In den oberen Informatiksemestern beträgt der Frauenanteil derzeit noch fast 40 %, das war die Quote bei den Studienanfängerinnen vor fünf bis zehn Jahren. In den Erstsemestern hingegen finden sich höchstens noch um die 10 % junger Frauen. Wenn man die Zahlen der Studienanfänger geschlechtsspezifisch auf die Geburtsjahrgänge umrechnet, sieht man: Bei jungen Männern ist das Interesse an der Informatik nach der Schule derzeit fast viermal so groß wie vor ca. zehn Jahren. Bei Mädchen hingegen ist die Neigung zu einem solchen Studium offenbar ganz drastisch zurückgegangen. Man darf durchaus glauben, dass das Potential an fähigen männlichen Studienbewerbern weitgehend erschöpft ist und die Informatik bei weiterhin großem Bedarf ganz wesentlich auf Frauen in weitaus größerer Zahl als bisher angewiesen sein wird. Hier bestehen besondere Chancen für qualifizierte Absolventinnen.

Firmen im Großraum München schalten mittlerweile gezielt Anzeigen für Frauen, mit denen sie auf teilzeitgerechte Arbeitsplätze, Förderprogramme nach einer Familienpause und andere Feinheiten zum Arbeitsverhältnis hinweisen. Dabei wird in den Personaletagen dieser Unternehmen allerdings geflissentlich übersehen, dass man nicht anwerben kann, was es noch gar nicht gibt. Was ist zu tun? Die Landeshauptstadt München hatte 1997 ein kleines Förderprogramm für anspruchsvolle technische Berufe unter dem Titel Mädchen werden was sie wollen als Pilotprojekt aufgelegt, bei dem neben etwas Ursachenforschung auch Aktivitäten bei Schulen angekurbelt worden sind. Der Fachbereich Informatik der FHM war in diesem Programm eingebunden.

Irgendwelche Erfolge können, wenn überhaupt, erst einige Zeit später erkennbar werden. Hinter vorgehaltener Hand waren sich die vorwiegend weiblichen Akteure aber doch darin einig, dass viele der fraglichen Berufsbilder im Bewußtsein von Schule und Elternhaus bisher nicht oder zu wenig verankert sind. Vor allem, so hieß es, wären die Schulen anzusprechen, die Gymnasien zu allererst, deren Lehrerinnen und Lehrer also.
Kritik also, vor allem aber Aufklärungsbedarf: Die Informatik als relativ junges Berufsfeld lässt keinerlei traditionelle Zugangshemmnisse erkennen. Ersichtlich sind etliche traditionelle Frauenberufe mittlerer Qualifikationsebenen im eher kaufmännischen Bereich, bei Banken, Versicherungen usw. durch Produkte der Informatik einschneidend bedroht. Und dass sich das Berufsbild der heutzutage mehr als nur schreibenden Sekretärin durch Einzug von Bürotechnik sehr verändert hat, bedeutet gleichwohl noch keine sichtbare Aufwertung oder Emanzipation: Männliche Sekretäre sind weithin unbekannt, würden wohl nicht einmal eingestellt werden.

Es liegt also nahe, dass Frauen die Domäne Informatik selber aufbrechen und an der Front mitbestimmen müssen, wohin die Entwicklung geht. Als Ausbildende an einer Hochschule erkennen wir keine spezifischen Gründe dafür, dass Frauen schon im Studium der Informatik (und damit als Folge erst recht in der Lehre) signifikant unterrepräsentiert sein müssen, de facto sind. Vielmehr gibt es viele und gute Gründe gerade für Frauen, Informatik zu studieren:
Die schulischen Voraussetzungen, nämlich einen guten Abschluss von Gymnasium oder Fachoberschule, können Mädchen statistisch bekanntlich noch eher mitbringen als junge Männer, denn es ist ein offenes Geheimnis, dass Mädchen schulisch erfolgreicher sind. Was erwartet sie in der Informatik: Ein anspruchsvolles Studium, das Konzentration, Zähigkeit und Geduld erfordert. Ein Studium, in dem wie im späteren Berufsleben ein großes Maß an sozialer Intelligenz, an Kommunikationsfähigkeit, Teamwork und Verhandlungsgeschick erforderlich ist, Eigenschaften, die mit Beginn des Studiums zwar angelegt sein müssen, aber zusammengefasst als Sozialkompetenz noch ausbaufähig sind, und, so denken wir, gerade auch bei jungen Frauen gut aufgehoben sein könnten. In Studium wie Beruf müssen Informatikerinnen die gesamte Persönlichkeit einsetzen, nicht nur Verstand und Fachwissen.

Ein frühzeitiger Umgang mit Computern ist keine notwendige Voraussetzung zum erfolgreichen Studium. Im Übungsbetrieb nehmen wir zwar am Anfang wahr, dass Mädchen manche Hardware zunächst mit kritischängstlicher Distanz betrachten, aber dann schnell aufholen und nach kurzer Zeit ihre irgendwie "ererbten Defizite" ablegen: Beim Studienerfolg ist gegenüber den männlichen Studierenden auf keinen Fall ein schlechteres Abschneiden erkennbar.
Rückmeldungen fertiger Informatikerinnen aus dem Berufsleben signalisieren immer wieder persönliche Erfolge und hohe Zufriedenheit in ihrem Berufsleben. "Intelligente Vermittlung" in Marketing, Vertrieb und Schulung können z.B. Aufgaben sein, die auch und gerade Frauen deswegen besonders reizen können, weil sie mit familiären Interessen mindestens für einige Zeit durchaus in Einklang zu bringen sind. In vielen Entwicklungsprojekten ist die Mitarbeit für Frauen mit temporären Familienverpflichtungen ohne Einbußen an Anspruch und Qualität möglich.

Eine Besonderheit der Informatik ist weiter, dass man die hohe Komplexität nahezu vollständig immaterieller Systeme fast gänzlich "am Schreibtisch" hat, ohne großen Aufwand eine eigene kleine Firma schnell sein Eigen nennen kann. Fazit: durchaus für Mädchen eine Zielvorstellung zum Studium.
Ist es Zufall, dass einige der ersten in der Ferne ausgeführten Diplomarbeiten unserer Fakultät von jungen Frauen 1995 in Vietnam bravourös gemeistert worden sind?